NEW YORK MARATHON 2008
Mein Traum ist wahr geworden. Morgens um drei Uhr wurde ich durch einen schrillen Ton vom Handy in New York in einem Hotelzimmer aus tiefstem Schlaf gerissen um festzustellen, dass mein Handy die Uhrzeit in USA nicht automatisch umgestellt hat. In USA werden die Uhren erst am ersten Novemberwochenende auf Winterzeit umgestellt. Ein bisschen MTV schauen und sich eine Stunde später fertig machen um sich um 4:30 auf den Weg zum Bus zu begeben. Beim New York Marathon, einem der weltweit anspruchsvollsten Rennen, liegt der Zieleinlauf im Central Park und die Startlinie befindet sich auf Staten Island, hier werden die so genannten handicapped mit besonderen Bussen hingefahren. Richards Freundin Sabine und meine Frau Birgit haben uns mit dem Rollstuhl auf dem Weg zum Bus begleitet, damit wir uns im Startbereich bei der langen Wartezeit im Rollstuhl und nach der Zieleinfahrt wieder im Rollstuhl bewegen können. Die Aufregung steigt, Richard und ich können den ersten Bus nehmen. Hier sitzen insgesamt 5 Sportler mit ihren Sportgeräten drin, ein Japaner der mit seinem Alltags-Rollstuhl in der Rennrollstuhl Klasse teilnimmt und 2 andere Handbiker aus Polen und USA .Die beiden Handbiker hatten am New York Marathon schon öfter teilgenommen. Beim Nachfragen bekommt man Angst gemacht, die Streckenverhältnisse sollen sehr schlecht sein, die Steigungen sollen an manchen Brücken doch sehr hart sein und der Wind soll einem das ganze noch mehr erschweren. Im Startbereich angekommen werden unsere Bikes von Guides in ein Zelt gebracht, hier können wir uns bis zur Verladung unserer Rollstühle aufhalten und uns die Zeit mit Essen und Trinken vertreiben. Vor dem großen Zelt sind ca. 10 Toiletten aufgebaut die auch mit dem Rollstuhl zu benutzen sind, der Service hier ist einmalig. Wir bekamen die Info das sich 99 Handbiker angemeldet hatten, aber nur 92 Fahrer an diesem Morgen am Start waren. Die Uhr zeigte bald 7:30 und es hieß umsteigen in die Bikes und die Rollstühle wurden im UPS Truck verladen. Die Rennrollis wurden zuerst in die Aufstellung gebeten danach kamen die Handbikes dran, nun spürte ich die Kälte zum ersten Mal. Ich stand ohne Handschuhe und ohne Jacke in der Kälte die durch den starken Wind sich noch kälter anfühlte. Nach ca. 45 Minuten rollten wir Richtung Start und warteten dort auf den Startschuss der Rennrollies. Was ich bis hierhin vermisste war die Möglichkeit zum warm fahren und musste feststellen dass uns die Möglichkeit auch erst nach dem Startschuss geboten wurde. Endlich war es soweit wir rollten in die Startaufstellung und ich hatte Glück ich nahm einen Startplatz rechts außen in der zweiten Reihe, mit Blick auf die Verrazano-Narrows Brigde ein. Es sah schon mächtig aus wo wir da rauf fahren sollten. Nach ein paar Interviews von Leuten die mir unbekannt waren sollte es nun losgehen. Der Startschuss erfolgte und mein Vordermann fuhr 2 Meter und hielt sofort wieder an, was war los? Nachdem er sich in eine Reihe weiter links reingemogelt hatte stand ich vor dem riesigen Lautsprecher durch den noch kurze Zeit vorher die Interviews ertönten, er war wohl in dem ganzen Getümmel von Menschen mal eben auf die Fahrbahn verrückt worden. Was soll’s knapp dran vorbei und die hinter mir folgenden ein wenig abgedrängt, konnte ich nun auch starten. Auf der Brücke spürte ich nun zum ersten Mal wie stark der Wind wirklich blies. Mir kam es vor als sollte ich eine Wand hochfahren und nicht nur einer Brücke die die New York Bay überbrückte. Nach kurzer Eingewöhnung kam ich jedoch ganz gut voran und konnte einige Fahrer schon auf dem 1,8 Kilometer langen Anstieg schon wieder überholen. Nach ca. 8 Kilometern erreichte ich den ersten Viewing Location und hier konnte ich spüren wo andere mir von erzählt hatten. Die Amis feuern dich an als seiest du der Sieger des Rennens und als die auch noch meine kleine Deutschlandfahne am Bike sahen war es ganz aus. Eine solche Begeisterung hatte ich vorher nur bei der Zieleinfahrt ins Berlin von mehreren Tausend Menschen erfahren. Hier waren es vielleicht 100 aber die gaben alles. Von solch einer Begeisterung angetrieben kam jetzt ein Ehrgeiz zum Vorschein den ich zuvor noch nicht erlebt hatte. Mit dem fahren in Gruppen klappte es hier nicht so gut, die Verständigung war meist schlecht, da die Fahrer aus den unterschiedlichsten Länder der Erde angereist waren. So machte ich mich als Einzelkämpfer auf den Weg, ich versuchte meine Kräfte gut auf die komplette Strecke einzuteilen. Ich wurde von 5 manchmal auch sechs Rennrad Guides begleitet die dafür sorgten das die Strecke vor mir frei war und wenn jemand versuchte die Strasse zu überqueren trillerten die Guides auf ihren Pfeifen. Einen solchen Service gibt es bei anderen Marathons in Deutschland und dem benachbarten Ausland nicht. Dadurch kommt es hin und wieder zu ungeliebten Zusammenstößen, die ich selbst auch schon erlebt habe. Ich konnte hin und wieder kleine Gruppen von 3- 4 Fahren auf der Strecke überholen und stellte fest dass es mit dem Einteilen der Kräfte wohl nicht so gut hingehauen hatte. Es verließ mich der Ergeiz und ich dachte darüber nach ob es nicht besser sei rechts ran zufahren und einen technischen Defekt vorzutäuschen. Aber immer wieder feuerten mich die Zuschauer ganz euphorisch an und ich machte weiter. Ich kann mich jetzt nachdem dass Rennen schon eine Woche hinter mir liegt, gar nicht mehr so genau daran erinnern wo die Strasse am schlechtesten waren. Aber eines ist sicher der Sprecher hatte sich in der Wortwahl vergriffen er hatte die besten Strasse angekündigt, in Wirklichkeit sind es die schlechtesten Strasse die ich je erlebt hatte. Hin und wieder wurden wohl die größten Löcher in der Strasse durch große Metallplatten abgedeckt und diese wurden mit Bolzen in der Strasse befestigt. Die Bolzen wurden mit Neonfarbe angesprüht damit wir diese sehen und nicht an den Bolzen platt fahren. Es gab Straßenabschnitte mit solch tiefen Spurrillen, dass man überlegen musste wo man am besten fahren kann. Für das überqueren des Eastrivers wurden wir schon beim Abholen der Startunterlagen durch eine Zeichnung auf die gefährlich Situation hingewiesen. Als es im Rennen wirklich soweit war hatte ich diese Zeichnung wohl vergessen und es kam wie es kommen sollte bei der letzen Kurve stand mein Bike nur noch auf 2 Rädern und ich hatte Mühe es dort zu halten. Sie Strohballen kamen bedrohlich nach, aber ich konnte das Bike abfangen und die Zuschauen klatschten und riefen mir zu „GERMANY GO GO GERMANY GO“. Diese Begeisterung der Zuschauer liegt außerhalb dem was ich mir je vorgestellt hatte. Und wieder konnte ich auf einer langen Geraden zwei Fahrer überholen die mich jedoch bei einer Brückenüberquerung aus Stahlgittern schnell wieder überholten. Wir mussten über einen Teppich fahren der dafür vorgesehen war, dass wenn man durch die Gitter durchschaute, nicht die wirkliche Höhe der Brücke erkennen konnte. Dieser Teppich bewirkte eine enorme Verzögerung beim befahren, ich dachte zuerst an einen Bremsdefekt aber es war wirklich nur der Teppich. Diese beiden Fahrer hatte ich bis kurz vor Schluss des Rennens immer wieder vor mir und ich konnte sie auf den flachen Teilstücken überholen, jedoch sobald Steigungen kamen konterten die beiden wieder und ich konnte nicht dagegenhalten. Auf der letzen langen Steigung am Central Park zogen die beiden weg und ich hatte keinen Sichtkontakt mehr. Im Ziel angekommen konnte ich nicht einschätzen welche Plazierung ich hatte. Im langen Auslaufbereich konnten ich wieder vom Bike in den Rollstuhl wechseln und musste feststellen das dies ohne fremde Hilfe nicht mehr möglich war. 2 Guides standen mir sofort zur Seite und gaben wir die benötigte Hilfe. Nach kurzer Erholungszeit wurde mir klar mein Ziel unter die TOP TEN war mit dem 8. Platz erreicht und ich konnte mich zufrieden zurücklehnen. Ich konnte mich mit dem diesjährigen Erstplaziertem unterhalten, er war im letzten Jahr viel schlechter trainiert und trotzdem 8 Minuten schneller, er war sich sicher dass die Wetterverhältnisse in diesem Jahr sehr viel schlechter waren und keine schnellen Zeiten zuließen. Mein deutscher Freund und Teamkamerad bei Proactiv Richard Prinz kam auf Platz 22 ins Ziel. Nun wurde jeder handicapped mit seinem Bike plus Anhang in sein Hotel gefahren, unser Fahrer war ein Angestellter vom NYPD, er war ein wenig durchgeschnallt und die Fahrt ins Hotel war ein reiner Genuss mit vielen spaßigen Situationen.Wenn ich mir nun mit ein wenig Abstand die Plazierungen anschaue, bin ich sehr zufrieden und der NEW YORK Marathon war die Reise und die Strapazen wert.